Aus alter Zeit          
   
   
vergrössertes Bild -> bitte Mausklick Langestraße um 1955. Links Gasthof " Deutsches Haus"
Woran erkennt man den echten Willebadesser?

Ja, das möchte mancher gerne wissen. Er sieht aus wie andere auch, er schläft und arbeitet wie alle, aber er hat eine Liebhaberei, eine ganz einfache Schmauserei, die ihn weit bekannt gemacht hat. Ach, weil er so gerne in den Pascheberg geht, wo sie früher alle in der Tanzkuhle tanzen lernten und Bier tranken? - ja, auch! - Oder, weil alle, die in Willebadessen geboren, lebenslang auf Vitus heimkommen oder wenigstens möchten und tüchtig feiern? Auch das! Nein, es ist so -einfach. Den echten Willebadesser erkennt man - an seiner Vorliebe für Sauerkraut. ja, du hast richtig gehört: saurer Kappus. In alten Zeiten war es schon so, samstags kochte die Hausfrau einen großen Topf Sauerkohl, - hinein natürlich etwas vom toten Schwein. Und wenn das dann so in Küche und Haus duftete, dann kam schon der Appetit für morgen Mittag. Da blieb keiner beim Frühschoppen oder Straßen-Vertelleken hängen, es gab ja „Siuerkraut“ mit „Schnurrkopp!« Und montags, da gab es noch einmal „Siuerkraut". Und dienstags: „Siuerkraut“. Und kalt schmeckte es, roh und gekocht, und mit und ohne Speck. Wenn es dann drei Tage etwas anderes zu essen gab, da freute man sich schon auf den Samstagsduft und den Sonntagsschmaus. - Kommt aber erst „Vitus". Das wäre doch kein waschechter Willebadesser, der dann kein „Siuermaus" mehr hätte. ja, die Nachbargemeinden haben von unserer Vorliebe gehört und neidisch" reden sie am Tage vor Vitus davon: in Willebadessen sei ein Waggon Sauerkraut angekommen. ja, das haben wir doch gar nicht nötig, wir haben ja noch genug davon, auch für Fremde! Und dann sagen sie, die Willebadesser Glocken läuteten zu Vitus: „Letzten Speck und Siuerkohl". Ja, mag sein - aber nicht den allerletzten!

A. Conze


Vom Backen: Timpen, Knappkuchen und Papenmuskes

vergrössertes Bild -> bitte Mausklick Erntedankfest auf dem Gutshof um 1955. Auf dem letzten Fuder der Erntehahn. Hoch zu Roß links Johannes Lenzdorf, rechts Ernst Schulz.

Früher war es in hiesiger Gegend und auch in Willebadessen nicht möglich, ein Kaufbrot zu erwerben, das kam erst nach 1870 hier auf. Die Leute backten selbst. So alle 8 bis 18 Tage holte man sich vom „Bäcker" eine kleine runde Holzschale „Sauern" und säuerte in einem großen Holztrog daheim Brot ein. Am anderen Morgen knetete man diesen Teig, der über Nacht zwei- bis dreimal so hoch geworden war, noch einmal mit Mehl durch. Dann tat man alles in einen groben weißen Leinensack und ging damit zum Bäcker, zum „Backhaus", wie man sagte. Dort versammelten sich alle Morgen 15 bis 20 Frauen, die backen wollten. In der Backstube waren lange Tische an den Wänden, an der vierten Wand, der mit Holz beheizte Backofen. Jede Frau suchte sich an den Backtischen einen Platz aus. Dann schüttete sie ihren Knetteig darauf und verstand es, schöne große Brote zu formen, die sie mit einem Zeichen versah. Etwas Teig ließ, man übrig. Davon mußte man den doppelten Sauern an den Bäcker zurückgeben. Erntedankfest auf dem Gutshof um 1955. Auf dem letzten Fuder der Erntehahn.

Von dem letzten Rest backte man „Timpen" oder „Kalten Kuchen“. In den Rest schüttete man Milch und knetete mit Weizenmehl aus, rollte zentimeterdick aus, formte dreieckig oder rund, stach mit einer Gabel öfter hinein und buk es vor dem Brot her ab. Um 10 Uhr brachte man dann schon den Kindern dieses brötchenähnlich schmeckende Gebäck. - Dann war die Arbeit der Frauen beendet, sie gingen heim. Der Bäcker schob die Brote ein und backte aus. Für ein Brot bezahlte man 1910 etwa 5 bis 10 Pfennig an Backlohn. Nachmittags holte man dann eine Karre voll Brot vom „Backhause" ab. Somit sparte man zugleich, denn altes Brot ist nicht nur gesünder, sondern auch sparsamer. - An den Festtagen gab es Knappkuchen, aber nur eine Platte, denn 6 bis 12 Eier gingen dazu. Im übrigen wurden Platenkuchen gebacken und süße Stuten, die man „Püssels" nannte. - Zu Ostern gab es viereckige „Papenmüskens", - ähnlich wie heute Schnecken.

Zu erwähnen wäre noch, daß die Kinder zu Weihnachten einen Teller voll Leckereien erhielten: Spekulatien, Nüsse, Apfel, ein Stück weißen oder braunen Zucker und getrocknete Pflaumen. Wenn das Christkind dazu noch 1 Paar Strümpfe oder eine Schürze brachte, so war es reich gewesen.

A. Conze


Willebadesser Zwirnspinnerei

vergrössertes Bild -> bitte Mausklick Abends beim Heimweg auf der alten Nethebrücke mit dem Hirten Eduard Waldhoff im Jahre 1958.

Abends beim Heimweg auf der alten Nethebrücke mit dem Hirten Eduard Waldhoff im Jahre 1958. Nur wenigen Willebadessern ist es noch bekannt, daß früher in Willebadessen ein Zwirn gesponnen wurde von solcher Güte, daß er im ganzen Fürstbistum Paderborn berühmt wurde. Die kleinen Leute mußten, wie aus den Jahresrechnungen hervorgeht, fast die gesamte Wolle des Klosters spinnen. Sie hatten daher große Übung und spannen einen feinen, gleichmäßigen Faden. Deshalb bauten sie alle Jahre reichlich Flachs an, mehr, als sie für die zum Haushalt notwendige Leinwand gebrauchten. Den Überfluß verspannen sie zu Zwirn. Beim Zwirnen liefen die beiden Fäden über eine Rolle, die unter der Decke be­festigt war. Aus dem Zwirn lösten sie einen schönen Pfennig Geld, Händler zogen mit der Kiepe auf dem Rücken los, um ihn abzusetzen. Es gab für ihn keine bessere Empfehlung, als wenn sie sagen konnten: „Et ist Willeboßer".

Hauptlehrer Meisohle, Willebadessen


Spinnen - Weben - Stricken

Mit diesen drei Worten umreißt man die Frauenarbeit am Feierabend der letzten 200 bis 300 Jahre. In keinem Hause fehlte ein Spinnrad, und in vielen Häusern war ein Webstuhl. Gefällig stellte man ihn auch der Nachbarschaft zur Verfügung. Man spann Wolle und Flachs. Schafe gehörten früher in jedes Bauernhaus. Sie gaben nicht nur die schöne Wolle. Es war auch ein besonderer Festtag im Herbst, wenn ein feistes Jungtier geschlachtet wurde. Wenn dann auf der Deele oben am geschwärzten Deelenhimmel mit der Fleischgaffel kein Stückchen Speck oder Schinken mehr zu holen war, dann war das fette Böckchen ein Paschamahl. Die Wolle wurde zumeist von der Oma gesponnen, das Stricken besorgte sie an den langen Winterabenden. Der Opa oder auch ein Bursche oder eine Maid bedienten den Webstuhl, der in seiner Breite von ungefähr 1,25 in und einer Länge von etwa 1,50 bis 1,70 in einen großen Raum der kleinen Hinterstube einnahm. Und Oma sah zu und strickte dabei. Von der Deele hing ein trübes Öllämpchen herab und konnte alles nur wenig belichten. Das dachten auch oft die jungen Mädchen, wenn sie mit einem Hocker und ihrem Spinnrad unter die „Ölfunsel" zogen, um den gerissenen Faden wieder einzuspulen. Sie hatten zumeist Flachs auf dem Rocken. Im Frühling und Sommer waren sie gar sehr dabei, Flachs auszusäen und zu jäten. Im Spätsommer wurde er reif und aus­ gezogen, nicht geschnitten, damit nichts verloren ging. Um die kostbaren Leinsamen zu erreichen, riffelten sie ihn über einem Nagelbrett. Dann hatten sie mit der Aufbereitung des Leinenfadens viel Arbeit, aber endlich war er spinnfertig.

vergrössertes Bild -> bitte Mausklick Rosenstraße um 1927. Vorn rechts Gasthof mit Bäckerei und Kolonialwaren Klösener.
Abends fanden sie sich in Spinn- oder Webstuben ein, denn Gemeinsamkeit liebt der Willebadesser. Dann hörte man aus den Stuben das leise Surren, oft auch das Quietschen der Trittbretter. Munterer Gesang holte immer neue Gäste herbei. So hörte man wohl aus Isenbrands Weh- und Spinnstube lustig: „Was klippet dat Klapp, wat schlippet dat Schlapp! - Klipp, klapp, klapp, - schlipp, schlapp, schlapp.“ Und ein guter Wirtsnachbar schickte seine Töchter auch mit Strickzeug hin und vor allem mit einem „Süßen", einem grünfarbigen Kümmellikör. - Und dann schaffte man emsig und sang zur Arbeit bis in die Nacht hinein. Auch andere schöne Spinnlieder erklangen: „Spinn, spinn, meine liebe Tochter" oder „Spinn, spinn, Mägdelein." Oft auch hörte man das Lied vom dummen Heinrich, der Wasser holen sollte und nur einen gelöcherten Eimer hatte. - Redlich müde ging man spät heim. Man sagte von einer fleißigen Spinnerin, man erkenne sie am flachen Spinndaumen. Und wenn dann der Frühling nah und näher kam und die Meise der Spinnerin ins Fenster rief: „Spinn dicke, spinn dicke", dann flog das Rädchen schneller, denn das Garn sollte auch noch gewebt werden.

A. Conze


Brauchtum, das heute noch erhalten ist

vergrössertes Bild -> bitte Mausklick Der Vorstand der Johannesschützenbruderschaft beim Aufbruch zum Eiersammeln am Vitussamstag 1959.

Der Vorstand der Johannesschützenbruderschaft beim Aufbruch zum Eiersammeln am Vitussamstag 1959. Die jungen Burschen holen in der Nacht vor Pfingsten ihrer Liebsten gerne einen „Maibaum“. Aber nicht alle unterziehen sich der Mühe, sondern „leihen" sich den schönsten vor den Türen für ihre Braut. Dann setzt oft ein wahrer Kampf um die Rückgewinnung der Bäume ein. Steht der Baum haushoch vor der Tür, dann wurde man ins Haus gebeten, und es gibt einen „Alten" und Mettwurst. - Mag man ein Mädchen nicht, weil es den Freier im Laufe des Jahres abwies, dann erhält es einen „drüggen Buschen“.

Am Tage vor Vitus ziehen die Burschen (heute die Johannes-Schützen) mit Hut und Stock von Haus zu Haus und sammeln Eier, wie die Mädchen am Palmsonntag. Hierfür kauft man eine wuchtige Wachskerze, die bei Beerdigungen von jugendlichen von einem weißverschleierten Mädchen vor dem Sarge hergetragen wird. Vielleicht ist es ein Brauchtum aus Klosterzeit, wenn heute die „Bildmäddien" mit blauer bzw. roter Schärpe bei Prozessionen die Bilder der Madonna und der heiligen Agatha tragen. Bis etwa zur Jahrhundertwende waren es die „Ehrenjungfrauen" in ihrem langen schwarzen Kleid und mit dem weiten Schulterkragen, ähnlich wie die Novizinnen des Klosters. Die Bildmädchen waren wie die Ehrenjungfrauen immer eine Ehrengarde. Kein Bildmädchen be­suchte den Tanzboden. Viele blieben es bis zu 20 Jahren und leisteten der Kirche mit ihrem Schmücken und Putzen große Dienste. Das waren noch Zeiten!


Die Karlsschanze

Die Karlsschanze ist ein altes Befestigungswerk, das aus der heidnischen Zeit der Sachsen stammt und zwischen Willebadessen und Kleinenberg liegt. Sie bildete den letzten sicheren Schutz im Kampf mit den vordringenden Römern und Franken. Aber auch dieses Bollwerk wurde von Karl dem Großen erobert. Der Kaiser soll dann in der Nähe ein Christusbild errichtet haben, dessen Trümmer, herumliegende Quadersteine, noch zu sehen sind. Man kennt sie unter dem Namen der „Kleine Herrgott". Diese Bezeichnung deutet aber darauf hin, daß die Sachsen nach der gezwungenen Annahme des Christentums an dieser Stelle noch lange dem „Großen Gotte" Wodan Opfer dargebracht haben.


Die Drudenhöhle

In der Nähe der Karlsschanze ist in einer Felsenwand die Drudenhöhle. Sie war vor Zeiten tiefer als heute, und die vielen Felsbrocken, die wie ein Felsen­meer umherliegen, zeugen davon. Hier wohnte die Drude, die weise Wala der Sachsen.


Der faule Jäger

vergrössertes Bild -> bitte Mausklick Ein alltägliches Bild auf der alten Nethebrücke (um 1940)

Ein alltägliches Bild auf der alten Nethebrücke (um 1940) Im Eggegebirge, nicht weit von Willebadessen, steht bei der Karlsschanze ein Opferstein, der „Faule Jäger" genannt. Er ist 6 m hoch und hat 24 m Umfang. An dieser Stelle soll von den heidnischen Sachsen ihr oberster Gott Wodan angebetet worden sein. Zu festgesetzten Zeiten trafen hier aus der ganzen Gegend die alten Sachsen ein und brachten Opfer dar. Nach Beendigung der Feier lagerten die Männer im Walde und würfelten, bis der Abend kam. Die Jünglinge führten Tänze auf zwischen Schwertern und Spießen, die in die Erde gesteckt waren. Mit der Ausbreitung des Christentums hörten diese Opferfeste auf. Im Anfang aber blieben noch viele Sachsen ihrem früheren Gotte treu und fanden sich zuweilen im heiligen Walde wieder ein, um nach altem Brauch zu beten und zu opfern. Die Erinnerung an Wodan ist erhalten geblieben. Aus Wodan ist der „Hakelbernd" (Mantelträger) oder der „wilde Jäger" geworden. Als riesen­hafter Reiter, der einen breiten Schlapphut und einen weiten, gefleckten Mantel trägt, reitet er an der Spitze eines gespensterhaften Heeres durch die Luft, be­sonders in der Zeit der „heiligen zwölf Nächte". Er schwingt eine lange Peitsche und ist von wütenden Hunden begleitet, die ein fürchterliches Geheul ertönen lassen. Wenn ein in der Nähe vorüberziehender Wanderer sich vor dem schauerlichen Zuge schützen will, muß er rufen: „Hallo, hallo, Wod, Wod, - Bergauf, Bergab, ein Mann in Not!" Oft ist der „wilde Jäger“ auch allein und kehrt manchmal gegen Mitternacht in einer Schmiede ein, um sein Roß zu beschlagen. Dann steigt er wieder in die Lüfte und verschwindet in Nebel und Wolken. - Eine andere Sage erzählt, der Stein solle den Namen „Fauler Jäger“ erhalten haben, weil sich dort ein Wachtposten vom Feinde überrumpeln ließ.


Die Sage vom Kleinen Herrgott

In der Nähe der Karlsschanze und Drudenhöhle liegen die Überreste eines Denkmals, die man als „Kleinen Herrgott" bezeichnet. Bei der Einführung des Christentums ließ Karl der Große in der Nähe der Karlsschanze ein Kreuz errichten. Dieser Weg war ein alter Wanderweg der Germanen, der von Westen her nach Osten zur Weser und Diemel führte. Wenn die Sachsen dort nun vorbei­gingen, bezeichneten sie diese Stelle als den "Kleinen Herrgott“, während ihr großer Gott Wodan auf der Karlsschanze thronte.

Quelle: "Willebadessen - Bilder aus vergangenen Tagen"