Gründerkapelle und ehem. Kapitelsaal          
   
   
vergrössertes Bild -> bitte Mausklick Blick in die romanische Gründerkapelle
 
vergrössertes Bild -> bitte Mausklick Blick in den ehemaligen Kapitelsaal (heute Sakristei)
 
vergrössertes Bild -> bitte Mausklick Palmettenringbandkapitell, 3. Viertel des 12. Jh., im ehemaligen Kapitelsaal (heute Sakristei)
Kurz vor dem südlichen Ende des Kreuzganges, dessen Stirnwand ein Missionskreuz von 1914 schmückt, öffnet sich eine Tür nach Osten zur sog. Gründerkapelle. Dieser in romanischen Architekturformen erhaltene Raum war ursprünglich sechsjochig, da er sich über die Flucht des Konventsgebäudes hinaus weiter nach Osten erstreckte. 1872 wurde der überstehende Teil abgerissen. Die zweischiffig angeordneten Kreuzgratgewölbe ruhen an den Wänden auf schlichten Konsolen, an denen in abgewandelter Form die Viertelkreiskonsolen des Kirchenraums wieder auftreten. In der Mitte tragen zwei schlanke Säulen die Gewölbe. Eine dritte Säule war in der 1872 entstandenen Außenwand vermauert und konnte geborgen werden. Sie dient heute als Postament für eine barocke Vitusfigur (Holz, mit erneuerter Farbfassung). Die für Westfalen selten reich verzierten Würfelkapitelle mit Palmettendekor (s. auch Bursfelde und Soest, St. Petri), bzw. mit Doppelschilden und dazwischen aufsteigenden Lilien, gehen auf niedersächsische Vorbilder (Hildesheim, St. Godehard) zurück und lassen sich in das 3. Viertel des 12. Jahrhunderts datieren.

Der Überlieferung nach scheint der Raum das gemeinschaftliche Grab des Klostermitbegründers Ludolf, seiner Ehefrau Imma und der sechs in den Orden eingetretenen Töchter aufgenommen zu haben, was zu der Raumbezeichnung Gründerkapelle geführt hat. Als der Raum 1833 als Viehstall des Pfarrers profaniert wurde, fand man den Berichten zufolge in einem aufgemauerten, mit einer Sandsteinplatte bedeckten Grab zwischen zahlreichen Knochen eine bleierne Tafel (heute im Bistumsarchiv Paderbom) mit der Inschrift: "Hic extant ossa fundatorum subter defossa / Cum fihabus suis sex numero computatis / Animo uno Deo servientes sacrum velamen sumentes / Anime quorum vivant in paceque requiescanC. (Text nach Adolf Gottlob, 1929. Übersetzung: Hierunter liegen begraben die Gebeine der Stifter / Mit ihren sechs Töchtern, die eines Sinnes Gott dienten, / indem sie den geweihten Schleier nahmen. / Ihre Seelen mögen leben und ruhen in Frieden. Nach Pfr. Franz Witthuit, 1958.)

An der Westwand des Raumes steht einer der beiden Reliquienschränke, auch Reliquienpyramiden genannt, die ursprünglich für den Normenchor bestimmt waren. 1723/24 versah Christophel Papen diese Schränke mit nicht erhaltenen Aufsätzen und seitlichem Laubwerk und lieferte 1727 noch "4 bleierne Pötte auf die Reliquien-Pyramiden". In einem mehrgeschossig gestuften und übergiebelten Aufbau bleiverglaster, kastenartiger Elemente mit wiederhergestellter barocker Schwarzmarmorfassung werden kostbare Reliquien zur Schau gestellt. Vor der mit rotem Samt bezogenen Rückwand sind aus Pappe geschnittene und mit grünem und gelbem Seidenstoff bezogene Ornamente - Blattformen, Körbchen, Sterne, u.a. - angeordnet. Die darauf befestigten Gebeine und Knochenstückchen sind in farbige Seide gehüllt und wie der ornamentale Hintergrund mit Silber- und Goldfransen, Filigran und Perlen besetzt. Kleine Zettel mit Aufschriften erläutern die Herkunft der Rehquien. Bei den Stickereien handelt es sich vermutlich um im Kloster ausgeführte Arbeiten. Das Gegenstück zu der Pyramide in der Gründerkapelle ist heute im Treppenhaus der Pfarrwohnung untergebracht.

Wegen seiner heutigen Nutzung als Sakristei leider nicht ständig zugänglich ist der ehemalige Kapitelsaal des Klosters, der ebenfalls im Klosterostflügel liegt und südlich direkt an die Kirche anschließt. Es ist dies neben der verkürzten Gründerkapelle der einzige vollständig in seiner ursprünglichen Gestalt erhaltene Raum der romanischen Klosteranlage. Durch einen auf der Innenseite freigelegten rundbogigen Durchgang, flankiert von gekuppelten Fensteröffnungen mit Mittelsäule und Würfelkapitellen mit Liliendekor, öffnete sich der Kapitelsaal einst zum Kreuzgang. Hohen architekturgeschichtlichen Rang beansprucht der dreijochige, zweischiffige, kreuzgratgewölbte Hallenraum aber auch wegen der Kapitelle seiner beiden Mittelsäulen. Es handelt sich um ein vermutlich von dem Hardehausener Vorbild abgeleitetes Palmettenringbandkapitell und ein bereits in Marienmünster ähnlich auftretendes Zungen- oder Haubenblattkapitell in ausgezeichneter bildhauerischer Qualität, die das Vordringen niedersächsischen Formengutes, ausgehend von St. Godehard in Hildesheim, nach Westfalen anschaulich belegen. Die Kapitelle müssen wie die der Gründerkapelle in das dritte Viertel des 12. Jahrhunderts datiert werden.

Mit Kirche, Kapitelsaal und Gründerkapelle hat sich ein einzigartiges romanisches Raumensemble erhalten, das trotz barocker Überformung der Gesamtanlage geeignet ist, einen durchaus seltenen authentischen Teileindruck einer Klosteranlage aus der Blütezeit der Ordensbaukunst im Weserraum zu vermitteln.

Quelle: St. Vitus in Willebadessen
Reihe: Westfälische Kunststätten
Dirk Strohmann