Das Innere          
   
   
vergrössertes Bild -> bitte Mausklick Das Innere der Kirche
 
vergrössertes Bild -> bitte Mausklick Blick auf die Nonnenempore
 
vergrössertes Bild -> bitte Mausklick Kanzel von 1723
 
vergrössertes Bild -> bitte Mausklick Blick auf den festlichen Altarraum zum Vitusfest 2004 von der Nonnenempore 
 
vergrössertes Bild -> bitte Mausklick Die Orgel
 
vergrössertes Bild -> bitte Mausklick Blick auf die Nonnenempore - Ausmalung von 1933
 
vergrössertes Bild -> bitte Mausklick Innenansicht um 1933
Im Gegensatz zu dem in Gotik und Barock gänzlich überformten Äußeren der Kirche, hat das Innere die ursprüngliche romanische Raumstruktur doch noch in großen Zügen bewahrt. Dies wird am deutlichsten, wenn man in der Vierung steht und den Blick schweifen läßt. Dann erschließen sich der kreuzförmige Grundriß, die Abfolge der aneinandergereihten, fast quadratischen, nach dem Maß des Vierungsgewölbes einheitlich geformten Gewölbejoche, das Stützensystem der rechteckigen Pfeiler mit zum Teil zurückhaltend dekorierten Kämpfern und der Vorlagenapparat mit den charakteristischen Abkragungen auf Viertelkreiskonsolen. Im gotisch erneuerten Chorjoch fehlen die Wandvorlagen und die Gewölbebögen, ebenso im Nordquerhaus. Dort und im gesamten Kirchenschiff sind die Gewölbe beim barocken Umbau der Kirche in Backstein neu aufgemauert worden.

Die Viertelkreiskonsolen springen getreu dem Lippoldsberger Vorbild lediglich durch einen geringen Absatz gegen die Gewölbevorlagen zurück. Die mit einem schmalen Randstreifen gerahmten Binnenflächen sind durch steinmetzmäßiges Aufpicken der Oberfläche abgesetzt. Eine Konsole am nordwestlichen Vierungspfeiler sowie eine zweite unter dem Kämpfer der sich ins Querhaus öffnenden Arkade des südlichen Seitenschiffs weisen eine kreuzförmige Unterteilung durch die rahmenden Streifen auf.

Entschiedener sind die Pfeilerkämpfer, die sich um die Gewölbevorlagen verkröpfen, als eigenständige Architekturglieder ausgeformt. Die starke Kämpferplatte wird von einer flachen Hohlkehle unterfangen, die an den meisten Vierungspfeilern und im südlichen Querhaus mit einem Schuppenfries geschmückt ist, wobei runde und kantige Schuppen von Kämpfer zu Kämpfer wechseln. Während die Kehlen der Kämpfer im Langhaus ohne Schmuck bleiben, ist der südwestliche Vierungspfeiler durch einen reichen Palmettenfries hervorgehoben. In ähnlicher Form findet man ihn am Kämpfer der Nordseite der bereits erwähnten Seitenschiffsarkade. Mit Schuppen versehen sind auch die Kämpfer der rundbogig gerahmten Fensternische in der Ostwand des Südquerhauses, die sich durch die Rundung der seitlichen Wandstücke als außen nicht mehr sichtbarer Rest der romanischen Apsis erweist.

Das wiederhergestellte östliche Teilstück des vermauerten Südseitenschiffs vermittelt auch ohne sein ursprüngliches Gewölbe den einstigen basilikalen Charakter der Kirche, den man noch erhalten ganz ähnlich in der nur wenig älteren Gehrdener Klosterkirche erleben kann. Die als Blendfenster wieder geöffneten romanischen Fenster im Obergaden der Südseite runden den Raumeindruck im Sinne der ursprünglichen Architektur weiter ab. Die im Aufriß gegenüber Gehrden etwas gedrungeneren Proportionen des Willebadessener Kirchenraums sind auf die Anhebung des Fußbodenniveaus um etwa einen Meter zurückzuführen, die vermutlich in Zusammenhang mit den barocken Umbauten steht.

Im Kirchenraum ist heute die barocke Nonnenempore im Westen das wohl bestimmendste bauliche Relikt der Barockzeit. Zwei Reihen von schön proportionierten toskanischen Sandsteinsäulen tragen die über Kreuzgratgewölben gemauerte, tiefe Empore, die bis in das östliche Seitenschiffsjoch hineinragt. Unter der Einpore entsteht ein dreischiffiger Raum von drei unterschiedlich breiten lochen. An den Wänden des Kirchenschiffs ruhen die durch starke Gurt und Scheidbögen zusammengebundenen Gewölbe auf profilierten Konsolen. Die Schaufront nach Osten hin ist reich durchgebildet. Zwischen den Gurtbögen steigen von den Säulenkapitellen schmale, ornamentierte Pilaster auf, die zusammen mit den als Konsolen ausgebildeten Scheitelsteinen der Gurtbögen ein Gesims tragen, über dem sich ein schmiedeeisernes Gitter erhebt. Üppiges Ranken- und Blattwerk von Akanthus schmückt die Zwickel der Bogenfelder. Die Scheitelsteine sind mit einer Darstellung des hl. Vitus mit dem Löwen (Klosterwappen, in der Mitte) sowie den Wappen der Äbtissin Theodora Sibylla Heising (links) und des Propstes Coelestin Strunck (rechts) verziert.

Dieser Propst hat uns in seiner bereits bekannten Bauabrechnung auch den Namen des für das Schmuckwerk verantwortlichen Bildhauers, Johann Martin Aleman aus Warburg, hinterlassen. Nach derselben Quelle stammt das Gitter von dem Kleinschmied Heinrich Rockes aus Brakel (ähnliches Gitter von 1729 in Dringenberg, kath. Pfarrkirche). Es setzt sich aus zwölf, von kantigen Profilen gebildeten rechteckigen Feldern zusammen, die mit filigranem Rankenwerk mit sparsamem Blattbesatz gefüllt sind. Durch die gegenständige Laufrichtung der Ranken sind jeweils zwei Felder zu einem Paar zusammengefaßt. Den oberen Abschluß bildet von den Rändern zur Mitte hin ansteigendes Rankenwerk von identischer Art, das in dem Jesusmonogramm IHS gipfelt. In das bekrönende Rankenwerk ist die Jahreszahl der Fertigstellung der Empore 1723 eingestellt. Die farbige Fassung des Gitters beruht nicht auf Originalbefunden, ebensowenig wie die Farbigkeit der Konsolsteine darunter.

Die barocke Empore nimmt den seit dem Mittelalter üblichen Platz einer Nonnenempore im Westen der Klosterkirche ein, so daß von einer romanischen Vorgängerin an dieser Stelle ausgegangen werden kann. Für die zunächst vermutlich ebenfalls turmlose Gehrdener Kirche läßt sich anhand von Bauspuren eine heute nicht mehr vorhandene romanische Nonnenempore nachweisen, die jedoch nicht über das westliche Joch hinausreichte. Für Willebadessen ist ein zusätzliches Oratorium, vielleicht für die Laienschwestern und Klosterbediente, im Südarm des Querhauses belegt, der ebenso wie sein nördliches Gegenstück durch vier Meter hohe Mauern mit darüberliegenden Bühnen gegen die Vierung abgeriegelt war.

Diese Abtrennungen, die keinen Verband mit den Vierungspfeilern aufwiesen, also anscheinend zu unbekannter Zeit nachträglich eingebaut worden sind, wurden erst 1900 beseitigt. Reste dieser zumindest in ihrer letzten Gestalt offenbar barocken Trennwände sind in den wiederverwendeten steinernen Türrahmungen des 1900 angelegten Kirchenzugangs in der Westwand des Nordquerhauses und seines Vorbaus erhalten. Noch heute befinden sich in der Südwand des Querhauses und der angrenzenden Westwand die Zugänge zum ehem. Kapitelsaal (heute Sakristei), zum ehem. Dormitorium (heute Pfarrerwohnung) im Obergeschoß des Ostflügels des Konventsgebäudes, zum Kreuzgang und zur Nonnenempore. Der Südquerhausarm war also ein für ein Oratorium günstiger Ort. Hinter der Trennwand im Nordquerhaus befand sich zu Klosterzeiten die Sakristei und darüber war die Orgel angebracht. Berücksichtigt man all dies, muß der Raumeindruck spätestens seit den Umbauten des 18. Jahrhunderts bis zum Ende des folgenden Jahrhunderts ein gänzlich anderer als heute gewesen sein.

Der Eindruck einer Innenraumarchitektur wird auch von ihrer zu allen Zeiten üblichen farbigen Gestaltung, der Raumfassung, bestimmt. Diese beruht in der Willebadessener Kirche nicht auf historischen Befunden, die hier offenbar gänzlich den zahlreichen Renovierungen zum Opfer gefallen sind. Gesicherte Aussagen zur Raumfarbigkeit der Kirche in den unterschiedlichen Epochen seit ihrer Erbauung bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts sind nicht möglich. Die bestehende Raumfassung von 1981 ist nach 1968 bereits die zweite leicht abgewandelte Wiederholung des 1957 durchgeführten Raumfassungskonzeptes, das eine zumindest in Fotos belegte, starkfarbige, dem Zeitgeist entsprechend expressive Ausmalung von 1933 (Entwurf Kirchenmaler Waldemar Wilcke, Paderbom) ablöste.

1957 bemühte man sich zur Unterstützung des romanischen Raumeindrucks um eine zurückhaltende Akzentuierung des architektonischen Gliederungssystems, indem man die zuvor vom dicken barocken Putz befreiten Werksteingliederungen dünn putzte, im Natursteinton braunockerfarbig eintönte und mit hellem Fugennetz versah. Kämpfer und Konsolen wurden durch gedämpfte Farbakzente herausgehoben, Gewölbe und Wandflächen in gebrochenem Weiß gefaßt. 1981 entschloß man sich zu einer Erweiterung dieses Systems durch stärkere Einbindung der Gewölbe mittels gequaderter, auf den Graten verlaufender Bänder und schmaler roter Begleitstreifen.

Die durch wenige Befunde belegte, fast zeitgleiche romanische Raumfassung der Klosterkirche in Gehrden, die dem Lippoldsberger Vorbild folgt, setzt statt dessen aus gemalten Zwickeln emporwachsende Gratbegleitbänder ein, die den eigentlichen Grat freilassen. Dies wird man sich vielleicht auch in Willebadessen ursprünglich so vorstellen müssen, wie in Gehrden vervollständigt durch Ornamentbänder an den Bogenstirnen und -untersichten sowie einen unter den Sohlbänken der Obergadenfenster verlaufenden Fries, auf dem als Fenstereinfassung gemalte, von Säulen getragene Bögen stehen.

Für den Raumeindruck bedeutsam sind auch die Farbverglasungen der Fenster, die in den Ostpartien geschlossen aus dem Ende des 19. Jahrhunderts stammen. Sie bilden den wohl eindrucksvollsten Rest der historistischen Ausstattungsphase der Klosterkirche. Das Ostfenster des Chores von Glasmaler F. Nicolas aus Roermond ist laut Inschrift eine Stiftung des Freiherrn von Wrede und seiner Frau Elisabeth aus dem Jahr 1885. Es zeigt im unteren Bereich das Martyrium des Kirchenpatrons, des hl. Vitus, im Ölkessel, flankiert von der hl. Elisabeth und dem hl. Josef. Darüber ist die Kreuzigung Christi angeordnet, in einem geschweiften Rahmen, der in einem gewissen formalen Gegensatz zu den ansonsten streng gotischen Architekturen der Verglasung steht. Im Fünfpaß darüber erscheint Gottvater, flankiert von König David und dem Propheten Jesaja. Die beiden alttestamentlichen Gestalten tragen Spruchbänder mit Texten, die typologisch auf den Kreuzestod Christi vorausdeuten (FODERUNT MANUS MEAS, Psalm 22,17; OBLATUS EST QUIA IPSE, Jesaja 53, 7.) Die bereits sehr weitgehend durch Korrosionsschäden verlorene Binnenzeichnung der Glasmalerei wurde bei der Restaurierung 1981 ergänzt.

Die Farbverglasung der beiden seitlichen Chorfenster aus der Werkstatt Adolf Oidtmann, Aachen, ist inschriftlich 1894 datiert. Ihr Aufbau ist identisch. Die bildliche Darstellung innerhalb der vorherrschenden Ornamentverglasung ist auf den oberen Teil der mittleren Fensterbahn beschränkt. Auf der Nordseite steht die hl. Agatha mit Zange und Märtyrerpalme unter einem reichen Maßwerkbaldachin, ihr gegenüber der hl. Kaiser Heinrich mit Krone, Zepter und dem Modell des von ihm gestifteten Bamberger Domes. Beide Heilige sind durch Beischrift bezeichnet.

Nach der inschriftlichen Datierung entstand ein Jahr später in derselben Werkstatt die Farbverglasung mit der Darstellung des Pestheiligen und Patrons der Stadtpfarrkirche, des hl. Rochus, im oberen Fenster der Ostwand des Südquerhauses. Die Figur des Heiligen, der eine Pestbeule an seinem Bein vorweist, erscheint in einer Architekturrahmung vor einer Landschaft. Das entsprechende Fenster im nördlichen Querhaus birgt eine Farbverglasung der Düsseldorfer Glasmalerei Hertel & Lersch von 1900 mit der Darstellung der Hl. Familie in einer genrehaften, häuslichen Szene in der Schreinerwerkstatt des hl. Josef: Der Jesusknabe arbeitet unter der Aufsicht seines Ziehvaters mit Hammer und Stechbeitel am Werktisch. Seine Mutter Maria sitzt Garn spinnend dabei.

Die Farbverglasungen der übrigen Kirchenfenster, mit Ausnahme des Westfensters auf der Nonnenempore (1900, Hertel & Lersch), mit abstrakten Mustern in Grautönen entstanden 1957 nach Entwürfen des renommierten Glasmalers Prof. Vincenz Pieper aus Münster (Ausführung Otto Peters, Paderborn).

Quelle: St. Vitus in Willebadessen
Reihe: Westfälische Kunststätten
Dirk Strohmann