Baugeschichte          
   
   
vergrössertes Bild -> bitte Mausklick Blick nach Westen auf die Nonnenempore
vergrössertes Bild -> bitte Mausklick Das Innere der Kirche nach Osten
vergrössertes Bild -> bitte Mausklick Chorraum in der Kirche mit Sarg der Elisabeth von Wrede, geb. Ulrich am 18. oder 19.07.1910
vergrössertes Bild -> bitte Mausklick Kircheninneres mit später abgerissenem neugotischem Altar. Links die später abgerissene Orgelbühne. Die Kanzel befindet sich heute am gegenüberliegenden Pfeiler.
Bei der ehemaligen Klosterkirche St. Vitus handelt es sich, rekonstruiert man ihre ursprüngliche Gestalt, um eine kreuzförmige, dreischiffige Pfeilerbasilika von zwei Jochen im gebundenen System, d.h. auf ein quadratisches Hauptschiffsjoch kamen zwei Seitenschiffsjoche. Die Kirche war, wie auch heute noch, mit Kreuzgratgewölben über abgekragten Wandvorlagen gewölbt. Das jetzt zum Teil barock vermauerte und flach gedeckte südliche Seitenschiff hatte ein nicht mehr vorhandenes nördliches Gegenstück, beide Seitenschiffe waren gewölbt. Der rechteckige, einjochige Chor und die Querhausarme waren mit heute fehlenden Apsiden versehen. Die Art des Westabschlusses ist unbekannt. Aus dem überkommenen Baubestand läßt sich weder ein einzelner Westturm noch ein zweitürmiges Westwerk ableiten, ebenso wenig ein Vierungsturm. Auch für eine ehemalige Krypta konnte man beim Einbau der Heizung im Chor 1966 keine Anzeichen entdecken. Planmäßige archäologische Grabungen sind jedoch bis heute nicht vorgenommen worden.

Mit ihrer Raumdisposition und den Abkragungen der Gewölbevorlagen auf Viertelkreiskonsolen steht die Willebadessener Kirche genau wie der ungefähr gleichzeitige Gehrdener Kirchenbau und die Kilianskirche in Lügde in der Nachfolge der Kirche des Lippoldsberger Benediktinerinnenklosters, eines der frühesten norddeutschen Großgewölbebauten, errichtet von 1142-51. Im Gegensatz zu Gehrden übernimmt Willebadessen von dort aber nicht den dreischiffigen Chor nach Hirsauer Muster und auch nicht die mit eingestellten Säulen versehenen (kantonierten) Pfeiler als Zwischenstützen der Seitenschiffarkaden. Das Motiv der Abkragungen ist in der Vierung nur noch Formzitat ohne statische Bedeutung, da in Weiterentwicklung des Lippoldsberger Vorbildes alle Gewölbebögen aus der rechteckigen Pfeilerrücklage entspringen, die zusätzlichen schmaleren Unterzüge also eigentlich überflüssig sind. Die Datierung des romanischen Baus der Willebadessener Kirche in die 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts ergibt sich vor allem aus der Abhängigkeit vom architektonischen Vorbild Lippoldsberg, die Willebadessen mit einer Reihe weiterer Kirchenbauten des Weserraums teilt.

Sehr stark in den romanischen Bestand eingreifende bauliche Veränderungen erfolgten in der späten Gotik, als der Chor seine heutige Gestalt mit den drei hohen Maßwerkfenstern erhielt und vermutlich neu eingewölbt wurde. Im Gegensatz zu der damals abgebrochenen romanischen Chorapsis blieb zumindest die Seitenapsis am südlichen Querhausarm offenbar zunächst bestehen. Eine gemalte Ansicht von Kirche und Kloster aus dem fahr 1665 von Südosten (zerstört) zeigt diese Apsis noch, daneben ein Portal. Chor und Querhaus deckt auf der Ansicht ein steiles Satteldach mit gemauerten Giebeln, das über der Vierung mit einem Dachreiter gekrönt wird. Ob auch das Kirchenschiff Veränderungen erfuhr, ist heute nicht mehr festzustellen und geht auch aus der Ansicht von 1665 nicht hervor.

Die größten, bis heute bestimmenden Umbauten der Kirche brachte Anfang des 18. Jahrhunderts die Barockisierung der gesamten Klosteranlage mit sich. in den Jahren 1720-1722 wurde das nördliche Seitenschiff abgebrochen, das südliche vermauert und in die Klostergebäude miteinbezogen. Das Hauptschiff erhielt neue, den alten in der Grundform entsprechende Gewölbe. Die Fassaden, mit Ausnahme des Chores, erfuhren eine Neugestaltung. Das Kirchendach wurde nach Abbruch der Giebel als Walmdach über einem hölzernen Gesims neu errichtet und über den Querarmen mit den charakteristischen Glockentürmchen als Dachreiter versehen. Die weitreichenden Umbauten hatten zur Folge, daß die Kirche 1722 neu konsekriert werden mußte. Im Inneren wurde 1722/23 eine Nonnenempore neu erbaut. Die gesamte Ausstattung erneuerte man grundlegend im Stil der Zeit.

In den beiden folgenden Jahrhunderten unterblieben bauliche Veränderungen weitgehend. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgten jedoch in mehreren Etappen umfassende Restaurierungsarbeiten. 1955-57 wurde die bis dahin sehr feuchte Kirche trockengelegt und im Inneren z. B. durch die Wiederöffnung eines Teils des vermauerten Südseitenschiffs eine stärkere Betonung des mittelalterlichen Raumeindrucks versucht. 1963-66 mußte der gesamte barocke Dachstuhl mit den beiden Dachreitern komplett erneuert werden. 1967 erwiesen sich eine umfassende statische Sicherung mit Gewölbesanierung sowie eine erneute Trockenlegung als notwendig. 1981 folgte eine weitere Renovierung des Inneren sowie die Reinigung und Neuverfugung des Außenmauerwerks.

Quelle: St. Vitus in Willebadessen
Reihe: Westfälische Kunststätten
Dirk Strohmann