Originaltext aus der Chronik der Schützenbruderschaften St. Sebastian und St. Johannes in Willebadessen: Nachkriegszeit          
   
   
Der Krieg endete mit einem völligen Zusammenbruch. Unser Vaterland wurde besetzt, und die Militärregierungen erließen scharfe Verordnungen und Befehle.
Sämtliche Vereinstätigkeiten wurden von ihnen verboten. Somit war auch eine Wiederbelebung des Schützenvereins vorerst nicht möglich.

Eine bemalte Scheibe ersetzte den Vogel.
Als jedoch die Schützenfesttage 1946 nahten, ruhte die junge Generation nicht. Unter dem Decknamen "Sportfest“ wurde ein provisorisches Schützenfest organisiert. Gefeiert wurde auf dem Saal der Gastwirtschaft Schröder. Hier wurde der König durch Pfeilwerfen auf eine Scheibe ermittelt. Die Königswürde errang Heinrich Figge, Königin wurde Änne Bredewald. Schon nach einer Stunde wurde ein behelfsmäßiger Vorstand gewählt und ein Königstisch zusammengestellt. Gegen Abend kam es sogar zur beliebten Polonaise, angeführt von Bürgermeister Bieling.
Mehr konnte und durfte noch nicht unternommen werden, denn der von uns allen geliebte Schützenverein, vor dem Kriege von der eigenen Regierung verboten, von der Gestapo bestohlen, wurde auch jetzt noch nicht von der Militärregierung erlaubt.

Erst durch Erlass vom 25.1.1947 gestattete die Militärregierung kirchlichen Vereinen unter Vorständen mit politisch einwandfreier Vergangenheit Feste und Veranstaltungen abzuhalten. Am 2. Ostertag 1947 rief dann Bürgermeister Wilhelm Bieling – er war der letzte Vorkriegsoberst – die Willebadesser zur Wiederbelebung des Vereins auf, nachdem er aus eigener Initiative und unter Mitarbeit einiger Schützen gewisse Vorarbeit bei den Behörden geleistet hatte. So versuchte er z. B. am 17.2.1947 bei der Polizeibehörde in Bielefeld in Erfahrung zu bringen, wo die seinerzeit von der Gestapo Bielefeld beschlagnahmten Vereinsbücher und Fahnen verblieben sind. Leider konnte ihm keine Auskunft gegeben werden. (Anfrage und Antwort liegen im Original vor).

Die Osterversammlung war außerordentlich gut besucht, womit der ungebrochene Wille der Willebadessener Schützenbrüder dokumentiert wurde. Wilhelm Bieling wurde einstimmig zum 1. Vorsitzenden beider Bruderschaften gewählt. Außerdem wurde ein kommandierender Vorstand für die St. Sebastiansbruderschaft mit Franz Lüke als Oberst gewählt. Die Jungschützen wählten nur einen Oberst. Die Wahl fiel einstimmig auf Karl Gockeln. Im Verlaufe dieser Versammlung wurde beschlossen, daß die Alten mit ihrem Königschießen am Tage vor Vitus in Erscheinung treten sollten – die Jungen jedoch ihr Königschießen am 1. Maisonntag abhalten sollten.
Durch die Kürze der Zeit war Karl Gockeln gezwungen, in kurzer Zeit einen Vorstand zu bilden.

Um eine Gründungsversammlung einzuberufen, war es jedoch erforderlich, daß bei der Militärregierung (Kreisresidenzoffizier) die Anmeldung erfolgte. Gleichzeitig mussten der deutschen wie der englischen Behörde ein Satzungsentwurf eingereicht werden. Der Vereinsvorstand mußte namentlich aufgeführt werden, und für jeden der Herren war ein von der Entnazifizierungsstelle beglaubigter Fragebogen beizufügen. (Die einzelnen diesbezüglichen Schriftstücke liegen im Original vor). Nachdem alle diese Formalitäten erledigt waren, konnte am 4.5.1947 das Vereinsleben durch eine seitens der Behörden vorgeschriebenen ordentlichen Generalversammlung wiederbeginnen.

Zum Schießen wurden zwei von Johannes Hönerlage angefertigte Armbrüste benutzt.
Auf der Tagesordnung standen folgende Punkte:
1) Wahl des Vorstandes
2) Bekanntgabe der Satzungen beider Bruderschaften
3) Aufnahme neuer Mitglieder
4) Allgemeines

Zum 1. Vorsitzenden wurde Wilhelm Bieling gewählt. Sein Stellvertreter wurde Franz Schwarze.
1. Beisitzer August Sprenger
2. Beisitzer Clemens Hagemeier
3. Beisitzer Heinrich Holtkamp
4. Beisitzer Alfons Peters
5. Beisitzer Heinrich Hagemeier (Krante)

Zum Schriftführer und Kassierer wurde Josef Ewers benannt. Als Schützendiener fungierte wieder wie vor dem Kriege Anton Koke.
Zu 2) Die Satzungen wurden verlesen und angenommen.
Zu 3) Alle früheren Mitglieder sind in den neu gegründeten Vereine übernommen, insgesamt 220 Mitglieder. Eine Aufnahme neuer Mitglieder fand noch nicht statt. Sie sollte jedoch bei passender Gelegenheit gem. § 5 der Satzung erfolgen.
Zu 4) Alle gewählten Mitglieder füllten einen politischen Fragebogen aus.

Da die Bestätigung seitens der Militärregierung noch ausstand, mußte das Königschießen der jungen Schützen noch unter dem Decknamen „Maikonzert“ aufgezogen werden. Die alte Schützenfahne wurde notdürftig zusammengenäht. Hüte und Schärpen wurden von Nachbarvereinen geliehen. Gewehre durften noch nicht getragen werden. Zum Schießen wurden zwei von Johannes Hönerlage angefertigte Armbrüste benutzt. Eine bemalte Scheibe ersetzte den Vogel. Die Musik bestand aus einer Klarinette und einem Schifferklavier. In letzter Minute konnte in Schwaney eine Trommel besorgt werden. Der altbewährte Tambor Anton Sauerland stellte sich zur Verfügung. Er erhielt, da er eine Bezahlung ablehnte 2 Zigarren. So zog man unter großer Beteiligung zum Schützenberg. Nach Ablauf dieses Schießens stellte sich heraus, daß Oberst Karl Gockeln den besten Schuß getan hatte. Er wurde somit als erster Schützenkönig nach dem Kriege proklamiert. Auf seinen Vorschlag hin übernahm sein Adjudant Joh. Kiene das Amt des Obersten.
Das abendliche Beisammensein verlief zunächst noch recht trocken. Erst nachdem Gastwirt Josef Ewers von der Brauerei Rheder ein Faß Bier besorgt hatte, wurde die Stimmung gehobener.
Karl Gockeln erkor sich Änne Bieling zur Königin. Alte Sitten und Bräuche lebten wieder auf. Der Vorstand der Jungschützen brachte seinen Hofdamen wieder Maibäume (in der Pfingstnacht) und am Pfingstnachmittag die Schärpen. Anschließend stellte sich der vollständige Hofstaat wie früher in der Tanzkuhle der Öffentlichkeit vor.

Das Vitus- und Schützenfest rückte näher, aber wie sollte es durchgeführt werden? Es fehlte an allem.
Als Festsaal diente die Hofscheune des Baron von Wrede [heute Reithalle]. Unter mühevoller Kleinarbeit haben junger Vorstand und einige Schützen diese alte Getreidescheune innerhalb einer Woche mit Maigrün in einen würdigen Festraum verwandelt. Der Tanzboden wurde aus Borlinghausen geholt, Tische und Bänke aus Peckelsheim, Helmern, Fölsen und Niesen. Hüte, Schärpen und Königsschilder aus Borlinghausen, Neuenheerse und Dringenberg.
Unter großen Schwierigkeiten gelang es in Paderborn eine Musikkapelle zu beschaffen. Da die Reichsmark keinen Wert hatte, bekam die Kapelle außer 500 RM, 200 Eier und 2,5 Kilogramm Butter.
Die Verdingung der Schänke bereitete große Schwierigkeiten, da keiner der Willebadesser Wirte sie übernehmen wollte. Derseit 1900 fungierende Festwirt wollte zwar als erster gefragt werden, lehnte aber aus bestimmten Gründen die Übernahme ab. Nach erneuter Verhandlung erklärte sich Gasthof Ewers zur Übernahme bereit, da er als altes Schützenhaus eine Tradition besaß und sich mit dem Verein verbunden fühlte.

Am Sonntag vor Vitus trat dann, wie beschlossen, die St. Sebastianbruderschaft zu ihrem Königschießen an, und im ganzen Städtchen ruhte die Arbeit. Die Königswürde errang Johannes Linnenberg. Seine Königin wurde die Frau des Schützenbruders Hermann Kleinemeier.
Am Tage darauf traten die beiden Bruderschaften mit ihren ersten Nachkriegskönigen zur Vitusprozession an. Leider fiel sie wegen schlechten Wetters aus. Durch diesen Umstand konnten weitere Schwierigkeiten vermeiden werden, da die Genehmigung zur Teilnahme der Schützen an der Vitusprozession seitens des Pastors noch ausstand. Nach dem Levitenhochamt ließen es sich die Schützen jedoch nicht nehmen, der Geistlichkeit das traditionsgemäße Ständchen zu bringen. Es fand indes keine Annahme.

Das Schützenfest wurde ein wahres Volksfest. Besucher aus fast allen Orten der Umgebung waren erschienen, denn unser Schützenfest war das erste weit und breit. Zum Fest wurde ein Eintrittspreis von 5 RM genommen. Zum gleichen Preis bekam man derzeitig eine Zigarette. Obwohl der Festwirt reichlich Bier und Likör beschafft hatte, glaubte jeder aus eigenen Beständen (selbstgebrannt) ergänzen zu müssen. [Der selbstgebrannte Schnaps nannte sich „Flitscher“.] Da jeder des anderen Erzeugnisse probieren mußte, herrschte schnell eine vortreffliche Stimmung. Unser Städtchen stand 2 Tage ganz im Zeichen des Festes. Als am nächsten Morgen der Kuhhirt blies, begannen gerade die Letzten mit der Kehrauspolonaise vor der Scheune. Der schöne Verlauf war sicher allen Verantwortlichen ein würdiger Dank für ihre Bemühungen.

Am Ansetzabend 1948 wurden erstmalig wieder neue Mitglieder aufgenommen. Da dieses in Kriegs- und Nachkriegsjahren nicht möglich war, waren 48 Ansetzkandidaten erschienen. Des großen Gedränges wegen wurden anfangs 2 und später 4 Kandidaten zusammengefasst. Das Sebastiansfest wurde am nächsten Tag im Saal der Gastwirtschaft Schröder gefeiert. Er hatte den Saal für 200 RM vermietet. Die Schänke wollte er nicht übernehmen. Daraufhin übernahm sie wieder der Gastwirt Josef Ewers. Das Fest musste wegen Platzmangel an zwei Tagen gefeiert werden. Die St. Sebastianer am 1. Tag und die jungen Schützen am 2. Tag. Auch von diesem Sebastiansfest kann berichtet werden, daß es in guter Stimmung und Freude verlief.
Sichtlich kam zum Ausdruck, daß alle froh waren, die Kriegs- und Gefangenschaftsjahre hinter sich gebracht zu haben.