Der neue Prozessionsweg          
   
   

Heute geht mit mir ein kleines Dörflein, am Fuße unserer geliebten Egge, ein Jahrhundert zurück! Zu den Menschen, die so eigenwillig sind wie seine schwarzen Tannen, wie seine derben Eichen, so froh und freudevoll wie Gottes schönste Sonne, und die doch Menschen sind mit tausend Fehlern.

"Se trummelt, Jannes, putz' dik, putz' dik!" - Färbers Agneschen rief es aus dem Stalle ihrem Manne zu, der eine ganze Welle schon damit beschäftigt war, seine blitzeblauen Hände zu bearbeiten. Er schimpfte vor sich hin: "Mir soll noch einer kommen, elende Färberei! Lot se miehe de Lappens no Paterburne gohen!" Seine Hände waren und blieben blitzeblau, trotz Bimsstein und Schmierseife und Flüchen, vor denen alle Teufel ausgerissen wären. Eilig lief er in die Stube, griff den paratgelegten Gehrock, würgte den letzten Knopf auf seinem Bauche zu, nahm den Klappzylinder und schnurrte zur Deelentür hinaus.

Draußen war das ganze Dorf auf den Beinen. Die Frauen hatten ihre Riesenhüte abgestaubt, die Taillen zu libellenhaftem Umfang zusammengeschnürt, waren mit unendlich langen Goldketten behangen, flöteten hochdeutsch und zierten sich, als käme der Kaiser zu Besuch. Die Mannsbilder stolzierten ebenso einher. Mit Herrscherblicken taxierten sie den Straßenschmuck. Girlanden spannten sich über die Straßen. Mächtig und schwer klangen die Glocken über das Dorf, zitterten nach in den Eggewipfeln, liefen am Hoppenberge hin, sprangen über die Höhe zum Tuttich und kamen vielfältig zum festlichen Dorf zurück.

Meggers Anton trommelte in allen Straßen, daß die Fensterscheiben bebten und Hühner und Hunde sich ängslich verkrochen. Immer mehr Volk kam aus allen Ecken. Die Schützen trugen die Gewehre noch lässig unter dem Arm. Ihre grünen Mützen stachen überall hervor, und die braven Reservisten drückten die Knie durch, als hinge davon ein Urlaubsschein ab. Hillen' Willem - er war Oberst der Sebastianer - warf den Kopf in den Nacken, daß der Federbusch possierlich im Winde hing, ließ seine kleinen Augen wohlgefällig über das aufgeregte Volk gehen: „Dunner, wenn dat nix güwt!" Willem ließ mit einer Kommandostimme seine Schützen antreten, der man es anmerkte, daß sie vor dem Kleiderschrankspiegel einexerziert war. Meggers Anton wendete oben vor der Kirchentür, wo schon die Träger des Hauptes vom heiligen Johannes darauf warteten, sich ihm anzuschließen.

Zu beiden Seiten des Kirchweges gingen dann die Schulkinder. Fräulein Wieseler versuchte, sie in Raison zu halten. Unter ihrem steifseidenen Rocke sahen blitzblanke Schnürstiefel hervor. Das enganliegende Mieder versuchte vergeblich, ihre etwas zu starke Taille zu verdecken. Die wüste Halskrause, von einer über und über mit Granaten besetzten Brosche zusammengehalten, ließ ihren an sich schon kurzen Hals noch kürzer erscheinen. - Kurz bevor Meggers Anton vom Marktplatz auf den Kirchberg zutrommelte, hatte sie ihre Schützlinge schnell noch einmal das in tausend Schulrevisionen erprobte: „Gedenke, 0 gütigste Jungfrau Maria ..." herunterbeten lassen. So gekräftigt, konnte kommen, was da wollte!

Breit über den Weg verteilt, folgten nun die „Schellemännekes". Zu zwei und zwei hielten sie sich bei den Händen, betrachteten mit großen Kinderaugen erstaunt alles Tun um sich her und schellten dabei, als gelte es, Beelzebub in die Flucht zu schlagen. Die „Engelkes" breiteten eine Blütenpracht um sich, daß der liebe Gott ordentlich stolz sein konnte auf alles, was er gemacht hatte.

Und dann kam der Himmel, getragen mit engen Handschuhen und steifen Rücken. Es war ein Glanz um die Monstranz, und die Sonne blitzte und blinkte in ihrem Gold und den Edelsteinen.

Bei den Musikanten schien irgend etwas nicht in Ordnung zu sein. Sie traten nervös von einem Bein auf das andere und konnten ja nicht wissen, daß Rasmussens Sau momentan ferkeln mußte. Tilde, Alberts Frau, saß im Stall im gelben Stroh, zu ihren Füßen die Schweinemutter, im Arm Alberts Kontrabaß, an dem sie mit einem wüsten Wollappen herumwirtschaftete. Albert kam in den Stall gelaufen: „Tausendgut, Tilde, tausendgut!" Er riß den Kontrabaß an sich und schon war er zur Tür hinaus. Draußen schob er sich durch das viele Volk und suchte seine Musikantenbrüder. Was sollten sie ohne seinen Baß anfangen, und er stieß Möllenbrinks Jupp mit dem großen Trichter vor den Leib, daß er bald an die Erde gekommen wäre, hastete weiter, machte dicke Backen, funkelte mit den Augen: „Aha, da sind sie ja noch, Gott sei Lob und Dank!"

Gerade schwenkten sie in die Prozession ein, mit Ortmanns Johannes an der Spitze. Albert trippelte, versuchte in den rechten Schritt zu kommen, und schon bließ er mit, daß die Frauen ihre Hüte festhielten. - Nun schlossen sich alle Vitusjünger an, Männer, Frauen und Jungfrauen. Es war ein farbenprächtigfeierlicher Zug, der sich mit bunten Fahnen, schmetternder Musik, mit lautem Gesang durch die Dorfstraßen wand, unterhalb des Kirchhofs verhielt und laut in die Gebete der ersten Station einfiel.
Nun lag der Kapellenberg vor den tapferen Gläubigen, steil ansteigend in praller, schwüler Junisonne. Ängstlich griffen sich die Männer an die Kragenknöpfe, die Frauen rafften die Röcke: "0, dieser Berg!" Doch dann brach es los, in Mut und Entschlossenheit, weit ging es über das ganze Tal. So laut, daß die Kirchenglocken sich schämen mußten: "0 mein Jesus, gib mir Schwingen!" Unter brennendem Schweiß, mit kurzem Atem, zog die Prozession die drei Dutzend Stufen zur Kapelle hinauf. Zu beiden Seiten der Treppe standen die Schützenbruder, mit würdigen Gesichtern,. steifgehaltenen Gewehren, an denen die Heckenrosen lange schon welk geworden waren.

Hier oben, hoch im Dorf, verhielt die Prozession lange Zeit. In der Festpredigt, die alljährlich von der alten Steinkanzel gehalten wurde, wies Pastor Menne eindringlich auf den neuen Prozessionsweg hin, der in diesem Jahr zum erstenmal gegangen werden sollte. Dieser neue Weg führte an den Fischteichen vorbei, war sauber und eben, hatte mancherlei Vorteile, aber - er war neu. Während der Festpredigt sprachen die braven Schützenbrüder tapfer einem kühlen Labetrunk zu, So daß es passieren konnte, daß statt zünftiger Ordnung nachher ein lustiges Durcheinander entstand. Dann zog die Prozession sich an den Paschebergshängen hin auf ebenen Waldwegen, auf die sich uralte Buchen tief herunterneigten. Jetzt war es eine Lust! Um sich Gottes schönsten Dom, duftig und lebensfrisch, unten das Tal mit dem eingekuschelten Dorf.

Kräftige Böllerschüsse standen plötzlich in der Luft. Das Echo geleitete sie um die Hänge, jagte sie durch die Bachgründe und Auwiesen und brachte sie tausendfältig zurück an das Ohr der glücklichen Menschen. Und die Musikanten, sie bliesen, daß ihnen der Schweiß auf den Stirnen stand. Was tat's, wenn mal ein vorlauter Ton nicht so geriet, wie er sollte. Heute nahm es der liebe Gott nicht so genau. Die Blumenkörbchen der Engelchen waren lange schon leer. Es ist schwer für Kinder, einteilen zu müssen, besonders in Dingen, die so viel Freude machen. Die dritte Station war gehalten. Träge wehten die Fahnen über der Prozession, die Musik klang blechern, und die sangesfrohen Kehlen schienen arg trocken zu sein. Die Himmelsträger, die Schulkinder und der Gesangverein schritten tapfer aus. Sie steuerten schnurstracks auf den neuen Weg zu, der sich in weitem Bogen aus dem Walde heraus und an den Fischteichen vorbeiwand.

Die Musik hingegen bog, gefolgt von allen Vitusjüngern, in den alten Weg ein, der durch die Kälberkämpe führte. So zogen nun zwei Prozessionen, eine jede friedlich für sich, durch das sommerschwere Land dem Gutshof zu. An der großen Pappel, die an der Brücke vor den Fischteichen stand, gewahrte Fräulein Wieseler plötzlich die große Stille hinter sich. Ein Blick zurück, und schon hastete sie an dem letzten Himmelsträger vorbei, zerrte aufgebracht an dem schweren Chormantel des Pastors. Dieser sah ganz entrüstet hinter der Monstranz hervor. Fräulein Wieselers Stimme überschlug sich: "Herr Pastor, hinter uns ist es leer!" Es hatte einen Augenblick den Anschein, als glitte die Monstranz aus des Pastors Händen. Ängstlich, zweifelnd waren seine Augen geworden: "Wat seggste?" - Schnell jedoch war er wieder ganz Würde, die sich auf alle Teilnehmer seiner klein gewordenen Prozession übertrug.

Schuberts Johannes hatte sich bei der Abzweigung des alten Weges eifrig bemüht, die Schulkinder von dem neuen Weg abzuhalten und sie auf die traditionsreiche, ehrwürdige Prozessionsstraße zu dirigieren. Seine Versuche waren an den eiskalten Augen Fräulein Wieselers, die ihn durch ihren uralten, goldeingefaßten Kneifer stechend ansahen, kläglich gescheitert. Bei diesem Manöver hatte er sich, hitzig wie er war, schon zu weit von dem alten Wege entfernt und trottete nun, ein Jammerbild, gänzlich allein, hinter den Schulkindern einher. Um seine Andacht war es restlos geschehen. Er schüttelte immerzu den Kopf, schwor bei sich, für Fräulein Wieseler auch nicht ein einziges Taschentuch mehr zu färben. Völlig ratlos war er und in arger Bedrängnis. "Ne sau wat, ne sau wat!" Die große Prozession aber zog jubelnd und triumphierend dem alten Wege nach.

Unten auf dem Gute hatte der iunge Rentmeister - "Hubert!" riefen ihn alle im Dorf - diese Rebellion mit angesehen. Zuerst war er vor Entsetzen unfähig, auch nur irgend etwas zu denken, geschweige denn etwas zu tun. Mit dem Näherkommen der "Dickköpfe" aber, wie er sie jetzt schon bei sich nannte, sah er plötzlich, daß der Steg über dem Abfluß der Fischteiche fehlte. Schnell lief er zur Mühle, griff zwei handfeste Bohlen, zerrte sie hinter sich drein und bugsierte sie, ohne Rücksicht auf Frack und gestreifte Hose, über den Schlammgraben. Wie selbstverständlidi wurde dieser Umstand von den "Dickköpfen" hingenommen und mit "Nun danket alle Gott . . ." die Rettung aus dieser peinlichen Situation belobigt. So war auch dieser einzige unsichere Faktor in der Rechnung der Dickschädeligen glücklich gelöst. Schadenfroh stellten sie sich das bitterböse Gesicht ihres fortschrittlichen Pastors vor.

Vor dem Gutshof, wo der alte Weg sich mit dem neuen traf, ließ Ortmanns Johannes die Prozession halten. Andächtig kniete das Volk nieder, als Pastor Menne mit der Monstranz vorbeizog, erhob sich wieder und schloß sich ganz selbstverständlich den Schulkindern an, um gemeinsam und einträchtig, als sei nichts vorgefallen, das letzte Stücklein Weg hinter sich zu bringen und sich in den Gebeten der letzten Station auf dem Schloßhof zu vereinigen.

Pastor Menne hielt es für zweckmäßig, nicht zu stark auf diesen Dorfskandal zu reagieren. Nur ein einziger Spötter fand sich, der in lustigen Reimen das Geschehen festhielt, das heute schon zum Teil in Vergessenheit geraten ist. In wenigen Familien das kleinen Eggedorfes nur leben sie noch fort, vom Großvater stolz dem Vater erzählt...