Ein Grabstein trägt die Erinnerung          
   
   
August GockelAugust Gockel, einem heimatlichen Künstler aus Willebadessen, zum Gedächtnis
(aus "Willebadessen 1207-1958")

Am Rande des Friedhofs in Willebadessen steht auf einem Steinsockel ein altertümlich verziertes Grabkreuz. Die ovale Tafel in der Mitte verzeichnet Geburts- und Sterbedatum des "Pianisten" August Gockel. Es verlohnt sich wohl, den Spuren dieses Namens nachzugehen und die Gestalt eines heimatlichen Künstlers wieder zu erwecken.

August Gockel ist am 17. Oktober 1826 in Willebadessen Kr. Warburg als Sohn des Jagdhüters Carl Gockel und der Elisabeth, geb. Legge, geboren. Schon früh traf sein außergewöhnliches musikalisches Talent bei dem Knaben zutage, das seine Eltern veranlaßte, ihn ausbilden zu lassen. Als Siebzehnjähriger wurde er am 29. Oktober 1843 unter die Schüler des Konservatoriums Leipzig, aufgenommen, wo er nun in strenger Schule sein musikalisches Talent vervollkommnen sollte. Am 12. Juli 1847 verließ er das Konservatorium, um zuerst als Organist und Konzertspieler tätig zu sein. 1853 entschloß er sich zu einer Konzertreise nach Amerika, wo er in verschiedenen Städten seine Kompositionen mit Erfolg vortrug. Besonderen Beifall fanden seine Werke "Hommage" (Huldigung), op. 4, der "Niagara-Fall", op. 19 und die Variationen über das russische Volkslied "Der rote Sarafan", op. 24, ein sehr melodiöses Werk, und "Das Dreigespann" Troika, op. 3. "Der Beifall war stürmisch", schrieb der Künstler am 20. März 1854 aus New York an seinen Freund und Verleger Julius Schuberth in Hamburg, "und das 'Hommage', der 'Niagara-Fall' und die Variationen über den roten Sarafan waren die Heroen des Abends. Das 'Dreigespann' wird im nächsten Konzert placiert. Selbst Mr. Wallace ist an diesem Abend mein Freund gewesen - ich bedauerte nur Ihre Abwesenheit. In Philadelphia, Binghamton und Oswege werde ich Konzerte geben, wofür ich Thomas (Violonist) und eine Sängerin, eine schöne junge Landsmännin, engagiert habe." - Das Werk "Troika", op. 3, ist seinem Vater, das Werk "Niagara Fall", op. 19, seinem Lehrer am Leipziger Konservatorium, Ludwig Plaidy, gewidmet. Ein anderes Werk "Erinnerung an schöne Tage", op. 36, hat er seinen Freunden von der Villa superiora Long-Island zugeeignet. 1855 ist August Gockel Klavierlehrer in New York.

Es scheint ihn dann wieder zur alten Heimat gezogen zu haben, - vielleicht war auch seine Gesundheit erschüttert, - er kehrte nach Willebadessen in sein elterliches Haus zurück. Am 9. August 1861 ist er dort, erst 34 Jahre alt, unvermählt gestorben und am 12. August bestattet worden. Er starb an Auszehrung. Sein Grab ist schon längst mit anderen Gräbern zusammengeräumt und die Überreste im gemeinsamen Grabe bestattet worden. Nur der Grabstein wurde mit Recht belassen und ist bis jetzt die einzige Erinnerung an den Künstler in seiner Heimat.

August Gockel war auch als Künstler ein Kind seiner Zeit, ein echter Romantiker. Die Romantik, bezeichnet durch Namen wie Weber und Schumann, wollte ja Auflösung allzustrenger Form, Schwelgen im Unendlichen, schwingendes Gefühl, nachdem Chopin und Liszt die musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten des Klaviers erweitert hatten. Obwohl die Werke August Gockels oft französische Titel tragen, sind sie echt deutsch empfunden. Seine Solo-Kompositionen erschienen meist im Verlage J. Schuberth, Leipzig. Außer den schon genannten hat Gockel mehrere Konzertwalzer komponiert: "Riccordanze", op. 9, "Souvenir de Ricci", op. 23, und andere, auch sein letztes Werk: "Paulita", op. 39. Ein von ihm komponiertes Gedicht "Der Tautropfen" erschien im gleichen Verlage. Auch ein humoristisches Stück ist unter den Werken: "Der Hanswurst" (Le Polichinelle). Eine Nachtmusik (op. 20) nannte er Les Adieux "Der Abschied".

Weil August Gockel in seiner Musik so ganz dem romantischen Geiste lebte, sind seine Werke als in etwa zeitgebunden heute mehr in den Hintergrund getreten. Es ist aber der schöne Vorzug des Meisters, durch seine Werke noch über das Grab hinaus weiterwirken zu können auf Herzen, die den Weg zu ihm finden.